Alles hat ein Ende

4 Jan

2013 ist über uns hereingebrochen. Während wir mit Sekt und Knallerbsen ins neue Jahr feierten, wurde der Redrock nach seiner Ruhepause in Bogotá erneut gestartet. Adieu, alter Knabe, auf zu neuen Abenteuern!

Er wurde an einen deutschen Kajakbegeisterten verkauft, der ihn zu Wildwasserraftings mitnehmen wird. (Nein, Redrock startet nicht mit im Wasser, sondern wartet geduldig am Ufer.) Aktuell befindet er sich im Dschungel Ecuadors. Auch die Grenzüberquerung mit den wackligen Papieren hat bestens funktioniert. Wir wünschen Redrock und seinem neuen „Herrchen“ alles Gute, möge der Motor noch eine Weile rasseln.

Und euch allen da draußen wünsche ich ein ganz tolles Jahr voller Überraschungen! Ab und zu werde ich vielleicht mal etwas posten, je nachdem, ob sich Berichtenswertes ereignet. Spätestens bei der nächsten Reise wird der Blog wieder voll aktiviert, bleibt also dran.

Redrock als Lastenelefant

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Hundemenschen

9 Dez

Unser spritziges TrioLoriot meinte: „Ein Leben ohne Mops ist möglich, aber sinnlos“. Ich kann ihm da nur beipflichten. Als Lupita plötzlich nicht mehr da war, erschien jeder hundelose Spaziergang unsinnig. Was stapfe ich hier allein in der Gegend herum? Warum liegt mir niemand beim Kochen zwischen den Beinen?

Deshalb haben wir uns nach einigem Abwägen doch noch entschlossen, ein neues Hündchen in unsere Minifamilie aufzunehmen, nämlich Fine. Sie ist neun Wochen alt, ihre Mama ist ein Jack Russell, ihr Papa ein Beagle. Sie kommt aus Wildberg in der Nähe von Neustadt (Dosse), ist also eine waschechte Brandenburgerin. Herzlich willkommen, Fine!

Frohe Weihnachten!

Gleichgewichtsstörung

17 Nov

Was zuerst auffällt, wenn man nach langer Zeit nach Deutschland zurückkehrt, ist die Präsenz des Staates. Jedes kleine Schild, jeder Strich auf der Straße, jede Parkbank ist genormt und geeicht – im ganzen Land bietet sich dasselbe Bild.

Der Verkehr fließt zügig und effizient, alle Geräte funktionieren, das Personal ist nicht besonders freundlich, aber qualifiziert. Auf dem endlosen Gang zur Gepäckausgabe läuft neben mir ein Geschäftsmann, der aufgebracht in sein Handy spricht: „Ja, aber bei solch einem aufwendigen Prozedere muss es doch Regeln geben!“, wirft er seinem Gesprächspartner vor. Wenn es keine Regeln gibt, ist was faul in Deutschland. Es verursacht Verunsicherung und Aggression. Die Welt ist richtig, wenn man ein Regelwerk vorweisen kann, falsch, wenn Regeln nicht klar formuliert und aufgeschrieben werden. Denn es gibt sie ja immer, auch im größten Chaos, bloß die Prioritäten sind andere.

Der Gepäckwagen kostet zwei Euro, die wir natürlich nicht in der Hosentasche zu stecken haben, also müssen wir unsere Rucksäcke, Taschen und Koffer zerren und schieben. Die Businessmänner und -frauen ziehen einen kleinen Rollkoffer, wir hingegen sehen aus wie eine überladene Alpakaherde. Endlich finden wir den Ausgang aus dem Flughafenkomplex. Claudius´ Mutter wartet schon aufgeregt.

Die Autofahrt führt an bunten Herbstwäldern vorbei. Ich freue mich besonders über den Anblick der Birke, mein Lieblingsbaum. Fein leuchtet das Weiß ihres grazilen Stammes durch die Dämmerung. Am Himmel scheinen sich verspätete Fluggänse auf die Reise nach Ayampe zu begeben.

Und sonst? Stefan Zweig schreibt: „Jede Form von Emigration verursacht an sich schon unvermeidlicherweise eine Art von Gleichgewichtsstörung. Man verliert – auch dies muss erlebt sein, um verstanden zu werden – von seiner geraden Haltung, wenn man nicht die eigene Erde unter sich hat, man wird unsicherer, gegen sich selbst misstrauischer.

Zweig versteht das wohl als Kritik, er beklagt sich über das zusammengebrochene Europa, über das Zwangsexil, in das er vor den Nazis flüchten musste. Ich bin freiwillig „emigriert“, wenn man so will, würde ihm jedoch trotzdem zustimmen: Den Zustand der „Gleichgewichtsstörung“ habe ich genossen. Das Misstrauen gegen die eigenen Überzeugungen oder die selbstgerechte Gewissheit über richtig und falsch bleiben vielleicht eine Weile bestehen, wenn man zurückkehrt. Ich habe mich schon immer über uns Deutsche gewundert, nun noch ein bisschen mehr. Aber ich mag dieses exotische Land, diese flachen Felder mit den Nadelwäldern, die bunten Ahornblätter, das harte Brot, ich will es mögen lernen.

Endspurt

13 Nov

Lupita ist in Canoa, einem ecuadorianischen Badeort am Pazifik, an einer Vergiftung gestorben. In derselben Nacht haben wir ihren Körper am Strand begraben und am nächsten Tag den Ort verlassen, unsere Flüge umgebucht und Kurs auf Bogotá genommen, weil wir einfach nur noch nach Hause wollen. Durch die Trauer haben wir keinen Sinn mehr für die schöne Landschaft.

Nach fünf Tagen Autofahrt erreichten wir vorhin die kolumbianische Hauptstadt: unfallfrei, aber auch sehr k.o. Der Redrock wurde geputzt und ein letztes Mal in der Werkstatt untersucht, vor einigen Minuten haben wir ihn an den Zwischenhändler abgegeben. Der deutsche Käufer wird erst in einem Monat in Kolumbien eintreffen, so lange steht er sicher im Innenhof eines Hotels.


Morgen ist der letzte Tag in Lateinamerika. Wir wollen das Goldmuseum besuchen und lecker essen gehen, um die letzten zwei Jahre gebührend ausklingen zu lassen. Nun ist alles anders gekommen als geplant. Dadurch, dass Lupita uns nicht nach Europa begleitet, ist eine Ernüchterung eingetreten, die jedoch hoffentlich bald verfliegt, wenn wir dann wirklich zu Hause sind.

Heimat. Wir kommen!

Untröstlich

8 Nov

Wir trauern um Lupita, unsere einzigartige Hündin,
die wir über alles geliebt haben.

Sie starb im Alter von fast anderthalb Jahren am 7. November 2012 in den frühen Abendstunden durch Rattengift. Wir werden sie nie, nie, nie vergessen.

Für immer untröstlich, Sue & Claudius

„Ist gar nicht zu verfehlen!“

28 Okt

Karl Jaspers, ein deutscher Philosoph, hat wohl mal gesagt: „Heimat ist da, wo ich verstehe und verstanden werde.“

Das ist schön festgestellt. Es beinhaltet natürlich ein „Verstehen“, das über bloße Vokabeln hinausgeht, obwohl man auch an denen ernsthaft verzweifeln könnte. Ein Wort transportiert seine Bedeutung kontextabhängig; wenn man den Kontext nicht kennt oder versteht, nützt einem die Vokabel nur halb so viel.

Beispiel für eine alltägliche Wegbeschreibung

Wir befinden uns in einer mittelgroßen Stadt auf der Durchreise. Irgendwie sind wir ins Stadtzentrum geraten, anstatt es galant auf der Umgehungsstraße zu umfahren. Da die Stadt nur als kleiner Punkt auf unserer Karte existiert, müssen wir uns (wie immer) durchfragen. Also in die Hände gespuckt und rein ins Getümmel, Frageopfer aussuchen, bremsen, lächeln: „Guten Tag, wie geht es Ihnen? Wir suchen die Ausfahrt nach Santa Maria. Können Sie uns weiterhelfen?“
Der Befragte, ein dicker Mann im besten Alter, Schnurrbart, offenes Hemd, Hut, mustert mich kurz, faßt sich dann in kennerhafter Denkerpose ans Kinn. „Nach Santa Maria? Aber das ist weit weg!“ Santa Maria scheint er mir offensichtlich nicht ganz zuzutrauen.
– „Äh, ja. Wieso? Wie weit denn?“
– „Na, das ist… mit Ihrem Auto… hm.“ Er tritt zurück und taxiert den Wagen. „Ungefähr eine halbe Stunde.“ (Ist das langsam oder schnell? Wie hat das Auto abgeschnitten?)
Gut, also nochmal, zuckersüß und freundlich: „Und wie komme ich dahin? Wie komme ich aus dieser Stadt raus, um nach Santa Maria zu gelangen?“
Etwas unwillig überlegt er. „Ja, am besten nehmen Sie die Avenida Bolívar. Bis zum Krankenhaus. Dann kurz nach oben. Ist eigentlich nicht zu verfehlen.“ Sein leicht spöttischer Ton zeigt an, dass er die Frage für ziemlich dumm hält, schließlich müsste man in meinem Alter eigentlich wissen, wie man nach Santa Maria kommt.
– „Und diese Avenida Bolivar, wo ist die? Ich bin nämlich nicht von hier, wissen Sie?“
Er nickt verständnisvoll, als Frau bin ich eben von Natur aus ein bißchen begriffsstutzig. Der Herr hält sich nicht weiter mit mir auf und wendet sich direkt an den Fahrer Claudius, wodurch er an meinem Gesicht vorbei ins Wageninnere sprechen muß. Unter Männern kann man die Angelegenheit sicherlich schnell klären.
– „Die Avenida Bolívar, Mister? Na, da fahren Sie jetzt hier einfach geradeaus, bis Sie am Friedhof vorbeikommen. Da fahren Sie hoch…“ Claudius versteht aber nicht genug Spanisch und kann nur dementsprechend gucken. Ich interveniere abermals:
– „Links hoch oder rechts hoch?“ Er zeigt mit dem Arm nach rechts und versichert: „Links hoch, am Friedhof links hoch.“
Ich bin etwas ratlos, lasse mich aber nicht unterkriegen: „Nach dem Friedhof also hier hoch“, ich wackele mit meinem rechten Arm, „und dann?“
Er stutzt, überlegt, zögert. Dann hat er eine bessere Idee: „Nein, nein, fahren Sie besser über die Calle 10. Vorne wird gebaut, das dauert ewig.“
Aha. Ich schlucke und konzentriere mich.
– „Und wie gelange ich zur Calle 10?“ Ich schenke dem Herrn mein schönstes Zahnpastalächeln.
– „Ganz einfach, zwei cuadras nach vorn, dann drei nach oben…“
– „Alles klar. Und da ist dann die Ausfahrt nach Santa Maria, nicht wahr?“
Ich habe jetzt auch keine Lust mehr. Neben mir macht Claudius sein genervtes „Kann ja nicht so schwer sein, mal kurz nach dem Weg zu fragen“-Gesicht, Lupita drängt auf meinen Schoß und möchte mal den leckeren Schnurrbart des Herrn kosten. Der ist jetzt verwirrt: „Santa Maria, achso, jaja. Ich dachte, Sie wollen zum Friedhof.“
Und so weiter…

Allein für „geradeaus“ gibt es viele Vokabel-Möglichkeiten: „largo“ (lang), „recto“ (gerade), „derecho“ oder „directo“ (direkt), „adelante“ (vorwärts), „para arriba /abajo“ (nach oben /unten). Oft werde ich komplett ignoriert, weil man einer Frau nicht zuzutrauen scheint, dass sie die zugegebenermaßen komplizierten Erklärungen (siehe oben) verstehen könnte. Nicht selten antwortet ein befragter Mann ausschließlich zu Claudius (obwohl ich ihn etwas gefragt habe), der mich in dem Kauderwelsch hilfesuchend anguckt und dem ich schließlich übersetze, woraufhin Claudius auf Deutsch etwas nachfragt und ich diese Frage wiederum ins Spanische übersetze. Als Dolmetscherin werde ich akzeptiert, als Ansprechpartnerin oft nur unwillig nach dem gescheiterten von-Mann-zu-Mann-Versuch.

Frauen fragen wir nicht mehr, da sie bei bisherigen Versuchen gar keine Ahnung hatten und uns oft auf´s Geratewohl ins Blaue schickten. Dazu muß man noch erklären, dass es hierzulande als grob unhöflich angesehen wird, einem Fremden die Bitte nach einer Wegbeschreibung mit „Ich weiß es leider auch nicht“ zu beantworten; im Zweifelsfall ist daher Fantasie gefragt. Oder Pragmatismus, wie bei der Omi, die meinte: „Ach, ganz einfach, fahren Sie einfach der Buslinie 20 hinterher. Der Bus müßte bald kommen.“

América, mi amor…

18 Okt

Mi querida América,

als ich 15 Jahre alt war, betrat ich erstmals deinen aufregenden Asphalt. Ich erinnere mich noch genau an den Flughafen von Managua. Die Luft flimmerte vor Hitze und neben dem Begrüßungslärm der anwesenden Nicaraguaner hörte ich papageienartige Laute von unsichtbaren Vögeln und das Singen scheinbar tausender Zirkaden. Die Liebe traf mich wie ein Blitz: „Das sind meine Erden, hier möchte ich dazugehören.“

Dieser Moment ist mehr als 16 Jahre her. Inzwischen habe ich dich an der Universität studiert, spreche deine Sprache fast wie meine eigene und kenne dein Antlitz detaillierter als das Europas. Mexiko, Guatemala, El Salvador, Honduras, Nicaragua, Kolumbien, Ecuador, Peru, Bolivien, Uruguay, Chile und Argentinien habe ich bereist, mehr als dreieinhalb Jahre meines Lebens habe ich bei dir verbracht, oft fühlte ich mich hier eher zu Hause als „daheim“, in Berlin.

Ich mochte anfangs bedingungslos alles, was mir fremd war – weil es mir fremd war. Ich hatte das Gefühl, bei dir ein ganz anderer Mensch sein zu können, freier und unbeschwerter als in Deutschland. Du warst eine Traumwelt, in die ich regelmäßig flüchtete, wenn mir das reale Leben in Berlin gegen den Strich ging. Ich fühlte mich stärker, unabhängiger und geselliger, dabei  war ich oft ganz allein unterwegs. Alles war intensiver mit dir, die Farben, die Gerüche, die Gefühle. War ich fort, vermisste ich dich, oder besser: Ich vermisste die Sue, die ich mit dir sein konnte.

Meine schönsten Jahre habe ich bei dir verbracht. Der Kontrast zwischen hier und dort hat mich aufgerieben, zum Nachdenken angeregt, zum Handeln motiviert und vor allem immer wieder inspiriert, wenn ich mir selbst die Frage stellte: „Was für ein Mensch möchte ich sein, für dich, für mich, für alle anderen?“ Die Wohlstandsblase, in der ich aufwuchs, bereitet mir immer noch ein schlechtes Gewissen, aber heute weiß ich, dass ein schlechtes Gewissen auch keinen besseren Menschen aus mir macht und zudem ein katastrophaler Ratgeber ist.

In der Fremde stellte ich zum ersten Mal fest, dass ich eine Europäerin bin. Und eine junge Deutsche, nicht zuletzt Berlinerin, Ostberlinerin. Dass ich Westlerin bin, Kapitalistin, eine gringa, eine Weiße, eine Blonde, dass ich für manche „reich“ bin und „emanzipiert“. Das wußte ich theoretisch vorher, doch mit dir habe ich gelernt, mich so zu fühlen. Das war nicht immer schön, oft sogar schmerzlich.

Ohne dich hätte ich vieles immer noch nicht verstanden. Ohne dich hätte ich die wichtigsten Fragen vielleicht gar nicht gestellt. Du wirst vermutlich ein Leben lang nach mir rufen. Dieses leichte Ziehen in der Leistengegend, wie ein zaghaftes Seitenstechen zerrst du an mir. Ich werde immer ein wenig unbequem zwischen beiden Welten sitzen, eine Pobacke links, die andere rechts. Mal zwickt es hier, dann drückt es wieder dort.

Ja, du ahnst es bereits, querida América, das ist ein Abschiedsbrief. Diese letzte Reise war ich fast zwei Jahre bei dir. Auch diesmal bin ich in deine Arme geflüchtet, ein nervenzehrender Job in Deutschland, das Hamsterrad, die Tretmühle. Wenn ich morgens mit der S-Bahn anderthalb Stunden in mein graues Büro gefahren bin, dachte ich an die papageienartigen Vogellaute, den Wind in meinem Haar und die Intensität, die ich aus jeder Lebensminute quetschte, wenn ich bloß bei dir sein könnte. Warum sollte ich ausgerechnet in Berlin leben, wenn es auf der Erde doch so wunderschöne Plätze gibt, fragte ich mich. Das Leben ist anderswo, das Glück ist anderswo, die Liebe ist anderswo und die Zukunft auch. „Anderswo“, das warst stets du.

In den letzten zwei Jahren hatte ich Liebeskummer. Ich mußte einsehen, dass ich die Freiheit und Kraft, nach denen ich mich sehne, nicht finden kann, solange ich sie nicht in mir selbst suche und dass du als Fantasiewelt leider gar nichts taugst. Im Gegenteil, dein unerbittlicher Realismus lässt mich eherDeutschland wie einen wahr gewordenen Traum aus rosa Plüsch empfinden.

Die vielen Menschen, mit denen ich gesprochen habe, ließen mich in ihr Herz blicken. Es gab Freunde und Feinde, Schwätzer, Dichter und Denker wie überall auf der Welt, mit kleinen und großen Sorgen, mit Beziehungsstress oder hohen Schulden, mit wackeligen Zähnen und bemalten Mündern, wie hier und dort. Ich habe viel übers Menschsein gelernt, doch Menschen gibt es überall.

Wenn ich dich das nächste Mal besuche, dann wie eine gute Freundin oder einen langjährigen Kumpel. Laß uns Freunde bleiben.

Deine Sue